Die Geschichte des Städtischen Schlachthofes Löbau

Erzählt in tausend Worten ...

 

Bereits im Jahre 1891 begannen die ersten Planungen zum Bau des – umgangssprachlich so genannten – Schlachthofes in Löbau. Im Gegensatz zu heute entwarfen und konstruierten Architekten auch Bauwerke für Industrie oder Handwerk mit viel Liebe zum Detail und Freude an der Ausschmückung. Die Gebäude sollten nicht nur den Geschmack der Auftraggeber treffen, sondern mit ihrem baulichen Erscheinungsbild auch die Branche oder Zunft repräsentieren, die darin arbeitete und produzierte. Das Fleischerhandwerk war zu jener Zeit ein hochangesehenes Handwerk und wurde daher mit großem Stolz in zahlreichen passenden Ornamente und Verzierungen an den Wandflächen und Giebelseiten sowie in Schmuckelementen an den Fenstereinfassungen dargestellt. Nach dreijähriger Planungs- und Bauzeit nahm im Jahre 1894 der städtische Schlachthof in Löbau den Betrieb auf.

 

Der ursprüngliche Gebäudekomplex bestand aus einem großen Hauptgebäude zum Zerlegen und Lagern von Frischfleisch, verbunden mit einem erhöhten Kühlturm mit Lüftungsdächern, und einem kleineren Nebengebäude für die Fleischbehandlung. An das Nebengebäude war ein großer Schornstein angebaut. Dieser leitete die bei den thermischen Prozessen zur Verarbeitung von Fleisch entstehenden Gase und die Wärme ab. In weiteren Gebäuden waren die Sozialtrakte für die Belegschaft und Räume für die Reifung und Räucherung von Fleischteilen untergebracht. Im Laufe der Zeit wandelten sich die Anforderungen an die Produktionsstätte.

Das Schlachten und die damit verbundene Frischfleischlagerung wurden zugunsten der Herstellung von Wurst zurückgedrängt. Auch die Technologien im Bereich der Herstellung von Fleisch und Fleischerzeugnissen entwickelten sich rasant weiter, sodass die Gebäude den Ansprüchen bald nicht mehr gerecht wurden. Es mussten für die Herstellung von Wurstwaren zwangsläufig weitere Produktions- und Kühlräume geschaffen werden. Größere Räume zur Unterbringung verschiedener Maschinen für die Wurstproduktion sowie weitere Flächen zur Lagerung von Naturdärmen, Gewürzen und anderen Rohstoffen waren nötig. Der bestehende historische Altbau wurde schon vor dem Krieg durch zahlreiche Anbauten - je nach den neuen Erfordernissen - erweitert. Dadurch entstand so nach und nach ein recht verschachtelter Gebäudekomplex.

 

Ab 1949 wurde der Schlachthof Löbau an das staatliche Schlacht- und Verarbeitungskombinat Dresden angegliedert. Zahlreiche weitere Anbauten und sonstige bauliche Veränderungen ließen ein richtiges Großfirmengelände entstehen. Damit verschwanden die historische Bausubstanz und auch die Charakteristik des ursprünglichen Schlachthofes leider fast völlig. Das Hauptziel beim Ausbau war die Steigerung der Produktionsmengen, architektonische Rücksichtslosigkeit und vor allem der Geldmangel für Erhaltung und Sanierung alter Gebäude in der DDR taten ihr Übriges. Zusätzlich nagten die modernen maschinellen Produktionsweisen an der schon maroden Bausubstanz.

 

Durch die Produktionssteigerungen wurde der Betrieb jedoch zu einer zentralen Anlaufstelle für Fleischereien, Verkaufsstellen und Gaststätten in der gesamten Region. Aus der Wende 1989, in deren Zuge das Schlacht- und Verarbeitungskombinat Dresden aufgelöst wurde, ging 1990 schließlich die Fleischwerk Löbau GmbH hervor. Dieses neu gegründete Unternehmen arbeitete zunächst in derselben Wirkungsstätte weiter.  Doch schon damals war klar, dass in den alten Betriebsräumen nicht mehr lange produziert werden kann. Die Technologien für Produktion, Veredlung, Kühlung, Lagerung usw. veränderten sich nach der Wende auch in der Fleischerbranche drastisch.

 

Die Technologie in westlichen Ländern war sehr viel weiterentwickelt als im Ostblock und es wurde viel größerer Wert auf Hygiene und entsprechende Reinräume gelegt. Neue Bodenbeschichtungssysteme z.B. brachten eine geschlossene Oberfläche und ein einfacheres Reinigen der Fussböden. Komplexe, moderne und schnelle Maschinen aus Edelstahl hielten Einzug und ermöglichten eine saubere und schnellere Verarbeitung. Ein neues Lebensmittelrecht hielt Einzug und damit viele neue Vorschriften für die Fleischerbranche, die umgesetzt und eingehalten werden mussten. Es war daher unvermeidbar die alten Gebäude aufzugeben und ein neues Fleischwerk mit EG-Zulassung (EU-Betriebserlaubnis für Lebensmittelbetriebe) zu errichten.

So kam es 1994 zum Bau des neuen Firmenkomplexes des Fleischwerkes Löbau direkt neben dem alten Schlachthof. Damit war es möglich, den neuen Hygienevorschriften und vor allem neuen und erweiterten Kundenansprüchen genüge zu tragen. Auch diese hatten sich im Laufe der Jahre verändert, vor allem hinsichtlich Vielfalt und Qualität: Brühwurst im Kunstdarm, Bratwurst in unterschiedlichsten Variationen, Kochschinken und Rohschinken in unterschiedlichen Größen und Formen sowie Leberwurst in vielen Sorten waren gefragt, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

 

Die komplette Produktion wurde in das neue Gebäude verlagert, dem alten Gebäude samt dem historischen Kern wurde keine Beachtung mehr geschenkt. Lediglich als Lagerfläche für aussortierte Maschinen oder Leerkisten wurde es noch genutzt und verkam ohne Erhaltungsmaßnahmen zusehends. In den 23 Jahren der ruhenden Phase holte sich die Natur das zurück, was der Mensch ihr genommen hatte:  Pflanzen wuchsen aus allen möglichen Ecken und Ritzen und  zahlreiche Tiere nutzen es als Wohnstätte. In Anbetracht der Lage versuchten die Inhaber des damaligen Fleischwerks das Objekt samt Grundstück  zu verkaufen. Schon damals fanden sich leider keine Interessenten und notwendige Investitionen blieben es trotz Bemühungen der Eigentümer aus.

 

Im September 2008 meldet die Fleischwerk Löbau GmbH beim Amtsgericht Dresden Insolvenz an. Die gestiegenen Rohstoffpreise hatten den Betrieb zunehmend in Schwierigkeiten gebracht. Damit standen auch die gesamten Räumlichkeiten zum Verkauf. Als die Fleischerei Richter GmbH & Co. KG die komplette Gebäudestruktur  und das Grundstück des Fleischwerk Löbau im Jahre 2009 erwarb, sicherte sie damit – neben der Kapazitätserweiterung für den eigenen Betrieb - den Erhalt der Produktionsstätte mitsamt allen Beschäftigten und den Verkaufsfilialen. Der alte Schlachthof war bei der Übernahme inbegriffen und diente wie

schon dem Vorbesitzer als nützliche Lagerfläche für Grills, Maschinen, Leerkisten, Ersatzteile und andere Materialien. Nach weiteren acht Jahren der Nutzung war jedoch die Gebäudesicherheit nicht mehr gewährleistet. Das Dach war undicht und teilweise zusammengebrochen, Fäule und Nässe hatten sich ausgebreitet und die Wände hatten sich verschoben und boten keine statische Sicherheit mehr. Der gesamte Gebäudetrakt war leider auf Grund des fortgeschrittenen Verfalls und der finanziell für uns nicht stemmbaren Sanierung nicht mehr zu halten. Wir ließen es uns jedoch nicht nehmen, einige noch am Gebäude vorhandene Architekturdetails und Ornamente zu retten.

 

Es fiel uns nicht leicht, dieses altehrwürdige Gebäude mit seiner langen Tradition und den vielen kleinen und großen damit verbundenen Geschichten abzureißen. Wir waren uns bewusst, damit auch einen Teil der Geschichte und des Stadtbildes von Löbau zu entfernen sowie ein historisches Zeugnis des ehrbaren Fleischerhandwerks in der gesamten Region. Mit ein bisschen Wehmut blicken wir zurück und hoffen, dass unser Setzen auf die Zukunft mit umfangreichen Investitionen und Innovationen sowie der Auf- und Ausbau eines modernen Betriebes würdigen Ersatz bieten!